Altglas trifft Sensor

Neue Sicht durch altes Glas

 

Schneider-Kreuznach Retina-Tele-Xenar f:4/135mm auf Fuji X-E2

Dieses Foto von dem Kirchturm unserer St.-Stephanskirche in Vlotho sieht recht unspektakulär aus. Scharf, detailreich und in Farbe und Schattierung nahezu perfekt. Wer hätte gedacht, dass das verwendete Objektiv bereits 50 Jahre alt ist.

Für Leica-Fans mag das nichts aussergewöhnliches sein. Doch auch andere Hersteller kannten sich damals schon ziemlich gut mit ihren Gläsern aus.

 

Woher das Interesse? Mit den Augen unseres Vaters

Dieser aus dem englischen kommende Spruch „my fathers eyes“ – bekannt u.a. durch den Song von Eric Clapton hat in der Fotografie mit altem Material etwas ganz besonderes für mich.

Wie viele Familienväter kam auch unser auf die gute Idee, das Heranwachsen der Kinder und die gemeinsame Lebensgeschichte mit einer guten Kamera festzuhalten. Seine „alte“ Kodak Retina 1b Sucherkamera ersetzte er durch eine Spiegelreflex-Kamera. Ich weiss nicht genau, in welchem Jahr, aber da die Retina Reflex III zwischen 1960 und 1964 hergestellt wurde, lässt es sich ziemlich genau eingrenzen. Über Fünfzig Jahre ist es her…

Mein Bruder und ich verbinden viele Kindheitserinnerungen mit den Bildern, die er von unserem Leben festhielt. Die alte Kamera in der Hand zu halten, das alte Objektiv wieder zu benutzen, das lässt uns als Kinder ein ganzes Stück in die Vergangenheit eintauchen.

Ferienspass an der Ostsee bei Kellenhusen – Dia-Scan 1963

 

Ob es das gemeinsame Spiel im Garten oder die Ferien an Nord- und Ostsee sind. Fotos aus vergangener erlebter Zeit geben uns ein Gefühl dafür.

 

Kirschbaum-Klettern  – Dia-Scan 1968

Und vielen Dank noch einmal an meinen Bruder und meinen Cousin! Ihr habt mir beim Erklettern des Baumes riesig geholfen und glücklich gemacht. Ihr wart einfach großartig!

 

 

 

Wie weckt man ein altes System wieder auf

 

Kodak Retina Reflex III mit Retina-Curtagon f:4/28mm, Retina-Xenar f:2.8/50mm und Retina-Tele-Xenar f4/135mm von Schneider-Kreuznach

Das Analog-Fieber packt ja viele Menschen. Also warum nicht einfach eine Rolle Film einlegen und los? Leider sind im Inneren, wie bei so vielen alten Kameras, Teile der Schmierstoffe an den mechanischen Bauteilen verharzt. In diesem Fall funktioniert die Auslösemechanik zwar noch, doch die Zeitverzögerung lässt erahnen, dass alles etwas länger dauert – und eben auch länger belichtet wird.

Man müsste jetzt also eine Werkstatt finden, die das gute Stück demontiert, reinigt und neu einfettet. Nach Jahrzehnten mit analoger Filmtechnik aufgewachsen sehe ich immer wieder Gründe, warum ich das digitale bevorzuge.

 

 

 

Es gibt Adapter für alles

Fotodiox pro DKL-FX

 

Es gibt einen zweiten, wenn auch nicht so vollständigen Weg: Einen Adapter, der den eigenen Kamera-Body mit den alten Objektiven verbinden kann.

Scheinbar passt auf jeden Topf ein Deckel bzw. findet man einen Adapter für die unwahrscheinlichsten Kombinationen. Meine Variante ist nämlich eine davon. Das Kodak Retina Reflex-System wurde nur 1957 bis 1966 vertrieben und so gibt es von Schneider-Kreuznach 50 Jahre später nicht mehr so viele Objektive davon. Gleichzeitig ist das Fuji-X-Bajonett vom Body noch nicht so marktdominierend wie Canon oder Nikon.

Als ich nach dieser Variante im Netz schaute, fand ich in ganz Europa nur einen einzigen vorrätig, nämlich im Amazon-Lager in England.

Aquamarin – ein ungewöhnlicher Farbtupfer

 

Durch die eigenwillige Farbkombi wird das Gespann von Kamera, Adapter und Linse nicht zu einem Schmuckstück. So ein aquamarinfarbener Ring zerstört neben der Länge des Konverters jegliches Image von Retrolook. Stil hat das nicht – schade.

Allerdings geht es mir doch eher um die technische Verbindung dieser beiden Dinge aus unterschiedlichen Jahrhunderten.

 

Zurück zur Langsamkeit

Ein paar Fotos zum Appetit holen. Vielleicht grabt Ihr selber mal im eigenen Schrank nach Linsen. Oder ihr haltet auf dem Flohmarkt Ausschau nach etwas passendem.

Werftidyll an der Weser – Schneider-Kreuznach Retina-Tele-Xenar f:4/135mm auf Fuji X-E2

 

Was mir besonders auffiel, war die Rückbesinnung auf die alten Tugenden, Entfernung und Blende vorn am Objektiv per Hand einzustellen. Erst offenblendig die Entfernung justieren und dann nach eigenem Gusto abzublenden.

Idee: Man rät Menschen, die von point-and-shoot-Varianten zur Fotografie wechseln möchten, mit einer Festbrennweite anzufangen. Vielleicht wäre es noch besser, ein Altglas zu nehmen, das keine elektronische Kopplung zum Body besitzt. Dann kann man das Einstellen des Objektives noch besser nachvollziehen.

 

Farbe, Farbe, Farbe – Fuji X-E2 mit Scheider-Kreuznach Retina-Curtagon f:4/28mm

 

Überrascht hat mich die Farbintensität der Bilder. Alle hier gezeigten wurden in Lightroom mit dem Provia-Standard exportiert. Mit dem verblichenen Retro-Gesamteindruck manch alter Diapositive hat das hier nichts gemeinsam. Es ist halt nicht dassselbe. Dazu müsste man einen Film analog belichten – und 30-40 Jahre liegen lassen.

 

Ein Werk der Vlothoer Jugendkunstschule

 

Spannung macht glücklich – Fuji X-E2 mit Scheider-Kreuznach Retina-Curtagon f:4/28mm

 

 

sonnige Aussicht – Fuji X-E2 mit Schneider-Kreuznach Retina Xenar f:2,8/50mm

 

Interessant ist der Crop-Faktor. Der Bildausschnitt verringert sich durch die im Vergleich zum Kleinbildfilm kleinere Sensorgröße – bei Fuji-X um das 1,5-fache. Das hat so manche Auswirkung. Da die (tendenziell) etwas schwächeren Randbereiche des Objektives nicht mehr den Sensor belichten, kommt es nicht zu den negativen Vigniettierungen, geringeren chromatischen Abberationen (=Farbverschiebungen durch unterschiedliche Lichtbrechung) und Randunschärfen. Hat was!

 

Ausserdem wird so aus dem alten 135mm-Objektiv eines mit 200mm-Brennweite:

 

Fachwerkgiebel in der Vlothoer Innenstadt – Schneider-Kreuznach Retina-Tele-Xenar f:4/135mm auf Fuji X-E2

 

 

Alte Orte mit altem Objetiv wieder besucht

Im Restaurant des Hotel Lütke in Vlotho fanden zu meiner Kindheit und Jugend viele Familienfeste statt. Taufen, Konfirmationen und Geburtstage. Ich erinner mich noch an damals so aussergewöhnliche Nachspeisen wie Erdbeeren mit milden grünen Pfefferkörnern. Unser Vater fotografierte in diesen Räumen häufiger. Mich macht es etwas nachdenklich, wenn ich eine Kamera mit einem der Original-Objektive auf die Überreste dieser Speiselokal-Legende halte und auslöse.

 

heutige Ansicht  von Hotel Lütke – keine Spur vom Glanz alter Zeiten

Gerne hätte ich alte Fotos, Personen von früher, alte Orte originalgetreu in der „Jetzt-zeit“ nachgestellt. Hier kommt aber – neben der Arbeit – der Cropfaktor ins Spiel. Mit derselben Linse kann man ohne einen Vollformatsensor nur einen Teilbereich des ursprünglichen Bildes ablichten. Also „mogeln“? Größerer Abstand oder einfach ein anderes Objektiv aus der Sammlung? Nein.

 

 

Liebhaberei

Es macht riesig Spaß, die alten Objektive in der Hand zu halten und an den Einstellungen zu drehen. Das ist etwas besonderes. Doch wie sieht es mit der Bildausbeute aus? Was macht den „alten“ Look aus? Meine These: der analoge, gealterte Film ist das Entscheidende. Sicher sind auch ein paar Prozent des alten Objektives beim Resultat im Spiel. Es erscheint mir aber eher vernachlässigenswert.

Beim folgendem Bild habe ich mal eine „Standard-„Provia-Emulation mit einer des Kodak Tri-X gegenüber gestellt. Auf die Frage „welches Foto wurde denn mit dem alten Objektiv geschossen“ würden die meisten Betrachter auf das sw-Foto tippen. In der Realität waren es aber beide.

 

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Also geniesse ich lieber das Drehen an den Objektivrädchen, die frischen Farben und die schönen Motive!

 

Baummalerei – Fuji X-E2 mit Schneider-Kreuznach Retina-Curtagon f:4/28mm

 

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