Unfassbare Nordseeküste Belgiens

Vielleicht nicht schön, aber aus fotografischer Sicht sollte man beim Durchfahren schon mal kurz anhalten und seine Eindrücke sammeln.

Fährt man entlang des Nordseeküstenwegs mit seinem Fahrrad in nordöstlicher Richtung, dann kann man das so machen: morgens ein frisches original französisches Croissant zum Frühstück geniessen, 80km radeln und den Nachmittag im niederländischen Zeeland ankommen. Vielleicht noch ein leckeres Eis in Knocke/Belgien vor dem Grenzübertritt. Meine Empfehlung.

Strand Knocke-Heist, Belgien
Knocke-Heist

Ein Blick auf die Landkarte zeigt das große belgische Dilemma: während die Niederlande und Frankreich über eine lange Küstenlinie verfügen, komprimiert sich das belgische nationale Nordseefeeling auf einen kleinen Bereich. Ein Anhänger idyllischer Orte ist geneigt, nonstop von Frankreich nach Holland durchzufahren. Aus architetonischer Sicht verpasst man da nicht viel. Nicht umsonst geistert im Netz eine eigenständige Sammelrubrik für „ugly belgium architecture“ herum, zum Beispiel auf Instagram. Aber so aus fotografischer Motivsicht bietet dieser Teil der Nordseeküste ein sehr – nun sagen wir mal – eigenständiges Ambiente

Hochhaus Strand Belgien

Wenn man sich die Häuser betrachtet, dann sieht man, wie man sich mit einfachen Mitteln ein sehr individuelles Ambiente schaffen kann. Mit nur drei größere symmetrisch angeordneten Blumenkübel und etwas grünem Bewuchs kann man seinen Balkon zu einer Oase umgestalten. Gefunden? Übrigens schauen diese ca. 150 kleinen Ferienwohnungen Richtung Inland. Auf der anderen Seite des schmalen Blocks gibt es dann noch einmal genauso viele mit Meerblick.

StreetArt Oostende
Graffiti in Oostende

Aber man sollte unbedingt ein Auge auf die äußerst pragmatische Gestaltung werfen. Was brauchen Menschen am Strand? Einen breiten Gehweg, Ferienwohnungen – und eine gute Verkehrsanbindung.

Straßenbahn in Middelkerke, Belgien

Über weite Teile führt eine Straßenbahnlinie direkt am Strand entlang. Schon von weitem sieht man, wie der Zug eine große Sandwolke hinter sich aufwirbelt. Als kleiner Nachteil mag es dem ein oder anderen Romantiker etwas seltsam erscheinen, warum diese Bahn im weiteren Verlauf auch Ferienhochhäuser und Strand trennt. Man beachte, dass zwischen Uferpromenade und Hochhaus zwar meist keine Straßenbahnlinie, aber zumindest noch eine Autostraße mit Parkplätzen liegt.

Ortsausgang Middelkerke, Belgien
Ortsausgang Middelkerke
Hochhausbau Küste Belgien
Für Häusernachschub – hier mit 20 Geschossen – wird gesorgt!

Aber manche Hausbesitzer, insbesondere diejenigen, die für belgische Verhältnisse winzig anmutenden viergeschossigen Hauszwerge besitzen, verbergen sich nicht. Sie zeigen mit mutiger Farbauswahl, das auch sie ein Teil der belgischen Strand-Skyline sein können.

buntes Hochhaus Knokke-Heist, Belgien
Neu gestrichen – Haus in Knokke-Heist

Ich fand diese Gegend jedenfalls so interessant, dass ich mir morgens in einem gemütlichen Strandcafé in Middelkerke einen heißen Kaffee gegönnt habe. Der Kaffee schmeckte gut.

Café Middelkerke Belgien
Zweites Frühstück in Middelkerke
Strand Knokke-Heist, Belgien
Knokke-Heist, stellvertretend für viele Küstenabschnitte
Strand Oostende, Belgien
l’esprit des vacances belges – Oostende
Koninklijke Gaanderijen in Oostende, Belgien
Zeugnisse längst vergessener Baukunst – die teilweise baufälligen „Koninklijke Gaanderijen“ in Oostende

Ach ja. Bei mir gab es tatsächlich nach frischen französischen Croissants am Morgen, statt belgische, die holländischen Fritten am Abend. Bin also auch an einem Tag durchgefahren. Kann man so machen.

Nichts gegen belgische Campingplätze, doch auf der Radtour hatte ich bereits in den belgischen Ardennen in Tintigny übernachtet. Inflationäre 36,- Euro (in Worten sechsunddreißig) für eine Person, ein kleines Zelt, keinen Strom und nur für eine Übernachtung im Nirgendwo. Es war die mit Abstand teuerste Übernachtung auf dieser Reise. Selbst an den begehrten und ausgebuchten Plätzen in Holland, wo ich die Preisfindung vielleicht noch verstanden hätte, war die Übernachtung mindestens 10.- Euro günstiger. Irgendwie hatte ich diesen „Reinfall“ mit diesem belgischem Platz dann in meine persönliche Entscheidung einfliessen lassen.

Strand Belgien
Hier finden Kinder ihren Strandabschnitt anhand symbolischer Motive.

Aber für die belgische Spezialform von Nordseeküstenurlaub im Massenformat habe ich als Nicht-Naturfotograf schon ein wenig mein Herz verloren. Könnte ich mir vorstellen, dort einen längeren Urlaub zu verbringen? Ich drücke es mal so aus: es gibt dort sicher noch viele unentdeckte Orte. Sie lagen aber nicht auf meinem Weg an diesem einen Tag.

Gern hätte ich aber noch etwas Zeit mit der Architektur verbracht. Vielleicht statt der trüben Wetterstimmung die Spiegelung des Sonnenuntergangs in den Hochhausscheiben. Oder die Dynamik des Schattens. Ein interessantes Land – ich meine, so rein fotografisch. Natürlich.

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