Wie war das Radfahren in den Dolomiten?

Gut – sogar richtig gut!

Immer wieder eindrucksvoll

Man könnte meinen, dass es schon zur Routine geworden sei. Vor acht Jahren luden Claus und ich erstmals unsere Mountainbikes auf das Auto und fuhren zum Radeln in die Alpen. Und schon zwei Mal nach Wolkenstein in den Dolomiten. Dieses Mal etwas östlicher in der Nähe von St. Kassian.

Südlich von Stern La Villa
Südlich von Stern La Villa in der Bergwelt – Fuji X-T2 XF90mmF2 R LM WR 1/8500 sec f/2.8 ISO 200

Natur – und insbesondere so eindrucksvolle – nutzt sich auch bei mehrfachem Besuch in ihrem Erlebniswert nicht ab. Mal davon abgesehen, dass diese Region so groß ist, dass man schon sehr lange braucht, um einen ausreichenden Teil als „kenn ich“ markieren zu dürfen.

Dieses Mal gab es als „Zugabe“ einen Kälteeinbruch schon vor unserer Anreise in der zweiten Septemberwoche oben drauf. Ein paar schattige Nächte bei 2° im Zelt auf einem Campingplatz in 1680m Höhe – eine gute Gelegenheit, seinen Schlafsack auf das Versprechen einer „Wohlfühltemperatur“ zu testen. Zum Glück konnte Claus für Essen und Gespräche noch die Standheizung im VW-Bus aktivieren. Gute Ergänzung.

Und dann ging es wieder mit Fahrrad weiter …durch den Schnee nur ein paar hundert Höhenmeter darüber. Auch eine interessante Erfahrung.

Messe zwischen Hütte und Antonius Kapelle Pralongiá
Messe zwischen Hütte und Antonius Kapelle Pralongiá – Fuji X-T2 XF35mmF1.4 R 1/11000 sec f/2.5 ISO 200

Zum Glück waren die Wege meist frei von Eis und Schnee. Und auch andere Gruppen liessen sich an einem Montag nicht von Schnee und Kälte beeindrucken und feierten ihre Messe an der Pralongiá-Hütte. Fällt euch das auch auf? Mit kurzer Hose im Schnee – das können doch nur Einheimische gewesen sein, oder?

Antonius-Kapelle Pralongiá
Die Antonius-Kapelle Pralongiá – Fuji X-T2 XF18mmF2 R 1/3500 sec f/4.5 ISO 200

Warum mit dem Fahrrad?

Naturpark Fanes-Sennes-Prags
Naturpark Fanes-Sennes-Prags – Fuji X-T2 XF16mmF1.4 R WR 1/2200 sec f/3.2 ISO 200

Wenn man in einem schmalen Tal mitten zwischen gigantischen Felsformationen durchfährt, fragt man sich, ob das nicht zu bescheuert ist – so mit Räder dort oben lang. Zum Glück sind viele Wege auch in größeren Höhen mit Fahrrädern gut nutzbar. Mal ziemlich steil, manchmal voller Verblockungen und auch oft mit vielem lockeren Schotter. Aber das ist ja auch so ein kleiner Reiz bei der Sache.

Weg zur Heiligkreuz-Kirche oberhalb Abtei
Auf dem Weg zur Heiligkreuz-Kirche oberhalb Abtei – Fuji X-T2 XF18mmF2 R 1/750 sec f/45 ISO 200

Entscheidend ist einfach die größere Reichweite im Vergleich zu einer Wanderung. Wir konnten so, ohne auf Busse oder Bergbahnen angewiesen zu sein, von unserem Campingplatz bis zur Heiligkreuzkirche hochradeln, runter nach Abtei und dann über Stern und St. Kassian zurück. Mit Fahrrad locker und eher eine Halbtagstour, zu Fuß aber mehr als eine Tagesreise.

Schutzhütte Hl. Kreuz
Schutzhütte Hl. Kreuz- Fuji X-T2 XF18mmF2 R 1/9000 sec f/2.8 ISO 200

Und vielleicht spricht noch ein anderer Grund für ein Fahrrad auf dem Berg. Irgendwie muss es nach dem Hochklettern auch wieder herunter gehen. Ich finde es – besonders für die Beine – deutlich entspannter, wenn man sich nach einer Rast an der Berghütte auf den Sattel setzt und hinabfahren kann. Nichts ist anstrengender als ein langer steiler Fußweg bergab!

Ciesa di Santa Croce
„hängt sie höher“ an der Ciesa di Santa Croce – Fuji X-T2 XF18mmF2 R 1/6400 sec f/2.0 ISO 200

Ach ja, was ich an unserem Ziel nicht verstanden habe: in der Bibel steht so weit ich weiss, dass sie damals die Gekreuzigten zeitig abhängen durften. Das muss den Urchristen wichtig gewesen sein. Warum hat denn niemand mit den Figuren bei Heilig Kreuz Mitleid, die da Jahre oder sogar Jahrzehnte ausharren müssen.

Gleichzeitig verstehe ich nicht diese Darstellung von Gewalt. Welches Signal will die für die Installation veranwortliche Organisiation senden? Dient es nur der Einschüchterung und dem eigenen Machterhalt? Was müssen Kinder empfinden, wenn sie einer solchen Brutalität gegenüber stehen? Schon mal über FSK16 nachgedacht?

Ciesa di Santa Croce
Angeleint mit Blick auf die Chiesa di Santa Croce – Fuji X-T2 XF18mmF2 R 1/2900 sec f/3.6 ISO 200

Das „e-“ verändert das Miteinander auf dem Berg

Alta Badia
alta badia – Fuji X-T2 XF18mmF2 R 1/1800 sec f/5 ISO 200

So nebenbei: schaut euch den Badia-Skifahrer an …und scrollt bitte noch einmal zu dem b&w-Bild darüber zurück. Ist das nicht ein wahnsinniger Gegensatz zwischen alter „Frömmigkeit“ und dem Ski-Zirkus? Na ja, jedem halt seine Religion.

Die Zeiten von Luis Trenker sind längst vorbei. Viele werden den Namen nicht mehr kennen. Für mich steht dieser alte Mann für Berge, die noch „Berge“ waren. Unnahbar, unbekannt, mystisch, unbezwungen, gefährlich.

Wenn man von Stern aus am Piz La Ila ankommt, dann empfängt einem eine ganz andere Welt. Ausgelegt für bequemen und luxuriösen Wintersport mangelt es anscheinend an nichts. In den Sommermonaten mutiert eine solche Konstruktion zu etwas, das hier wie von einem fremden Planeten stammen könnte.

Und mitten auf dem Giebel eine Mega-Werbung für einen dieser PS-Boliden. Angesichts der Tatsache, das das Auto Klimakiller Nr. 1 ist und die Skigebiete bedroht müssen die Werbetreibenden einen ziemlich abgründigen Humor gehabt haben.

Berstation Piz la Ila
Berstation Piz la Ila – Fuji X-T2 XF18mmF2 R 1/1600 sec f/5 ISO 200

In der Sommerzeit gibt es seit einigen Jahren – mit großer Steigerungsrate – noch etwas anderes, das hier nie hingehörte: Motorräder (schmeichelhaft e-Bikes genannt – statt mit einem Schalter oder Griff wird die Motorleistung mit den Pedalen gesteuert). Doch der kräftige Motor lässt mit seinem Surren keinen Zweifel daran, wer hier die Arbeit leistet. Und das bleibt nicht unbemerkt…

Es fiel mir bei Begegnungen immer wieder auf: Wohin gehen die Blicke von Wanderern oder Fahrradfahrern, wenn man sie trifft? Richtig! Auf das Kurbellager und möglichen Antrieb und Akku. Und erst dann hoch zum Fahrer. Wir haben das ja nicht so genau verfolgen können. Ich hatte aber so das Gefühl, dass sich viele Motor-Fahrer angesichts dieser Begutachtung und vielleicht dem einen oder anderen kritischen Blick von Wanderern nicht so wohl fühlten.

Ein Nebenprodukt davon freute mich sehr: vor ein paar Jahren noch fühlte man sich mit mechanisch angetriebenem Mountainbike – auch wenn man sehr sinnig fuhr – in der Bergwelt als Fremder, als Störender zwischen den Wanderern.

Heutzutage hat sich das ziemlich verändert: Man erkennt sofort, wer hier mit Muskelkraft hochgekommen ist – egal, ob mit Fahrrad oder Wanderschuhen. Mehrmals wurden wir von Wanderern angesprochen, die sich über unsere noch motorlosen Geräte freuten. Schien etwas aussergewöhnliches zu sein. Fühlten uns wie Aliens.

Für mich sollten Fahrradfahrer nicht aus Bequemlichkeit, sondern nur wegen gesundheitlicher Handycaps in den Bergen auf Motorräder umsteigen können – und dann mit gutem Gewissen. Diese Grundregel würde ihre Gesamtzahl für die Region verträglicher halten. Ich hoffe auch, dass wir noch viele Jahre ohne Unterstützung diese Bergwelt mit eigenem Antrieb erleben dürfen.

hier kann jeder fahren – Fuji X-T2 XF18mmF2 R 1/3800 sec f/2.8 ISO 200

Unter den e-Mountainbikefahrern gab es einige sehr trainierte, doch auffällig viele schienen völlig ungeübt. Vielleicht hatten sie sich in einem der Orte „mal so eben“ eins ausgeliehen und meinten, dass fahrerisches Können und Geschick im Mietpreis inbegriffen wäre. Und das angesichts eines Fahrzeuggewichtes von über 20 oder sogar 25 kg!

Bergauf geht dann meist noch einfach – da ist der Motor die einzige Antriebskraft. Wenn sie aus ist, bleibt man stehen. Bergab kommt aber noch eine ganze Menge Energie als Vortrieb hinzu. Da habe ich mich oft gewundert, mit wieviel Selbstüberschätzung Menschen mit e-Bike in höheren Regionen auftauchten. Gut, dass man nicht dabei war, wenn sie über steile und geröllige Wege wieder Richtung Tal mussten und ihre Grenzen fanden.

Ranch da Andrè, Dolomiten
Ranch da Andrè – Fuji X-T2 XF18mmF2 R 1/2700 sec f/4 ISO 200

Auf jeden Fall freuen sich viele Hüttenwirte über diese zusätzlichen neuen Gäste, die nun Dank der Unterstützung ihre Gastronomie beleben. Sei ihnen gegönnt!

Der Einfluss von Apps

lockerer Weg – Fuji X-T2 XF35,,F1.4 R 1/5800 sec f/2.8 ISO 200

Und wo wir schon mal beim Wandel sind: noch vor wenigen Jahren waren die Wege eher für „Insider“ und für „Entdecker“. Vor knapp zehn Jahren konnte man schon auf so manchen Routenvorschlag im Netz zurückgreifen. Rustikale GPS-Geräte halfen beim Navigieren. Aber auch ein geübter Blick auf die Wanderkarte mit Höhenlinien konnte damals noch sinnvoll sein.

Heute ist hier längst die grenzenlose Ortung durch Handys und das Ranking von Apps wie Komoot zu spüren. Wir trafen Fahrradfahrer, die unbedingt die dort am höchsten bewerteten Strecken nachfahren wollten – und nicht selber neue erforschten. Ich bin mal gespannt, wozu das führen wird. Vielleicht werden demnächst manche Routen wegen Überfüllung, wegen Überbelastung des Belages oder zu großem Stören von Wanderern für Mountainbikes gesperrt.

So ist das. Das vermeintlich Tolle lieben wir (fast) zu Tode. Hafenstädte wie Venedig oder Dubrovnik ächtzen unter den zu-Kreuz-Fahrenden, ruhige Aussichtspunkte verlieren ihre Abgeschiedenheit unter den langen Schlangen von Instagram-Nachäffern. Und excellente MTB-Touren unter der Last der „likes“. Die vernetzte Reisewelt ist auch in den Bergen längst angekommen. Aber wundert euch nicht: Wanderwege wird man einfach für Fahrräder sperren können.

Zum Glück ist es noch nicht so weit gekommen. So geniessen wir unsere Fahrten und den gemütlichen Blick auf fast grenzenlos wirkende Panoramen.

Panorama in den Dolomiten
LR- Panorama Fuji X-T2 XF35mmF1.4 R freigestellt: 19142×5716 px

Aberwitzige Pixelgrösse… . Hier im Block bleib ich bei max 2500 px in der Länge. Zur Vergrößerung einfach auf die Bilder klicken. Bei Windows-PCs kann man je nach Programm durch F11 noch die Browserleiste ausblenden.

Beim Fotografieren was dazu gelernt?

Ja. Mein größter Zugewinn war es, das 16mm/F1.4 nach ein paar Tagen nicht mehr mitzuschleppen. Das 18mm/f2 reichte vollkommen aus. Und wenn das Motiv zu gewaltig war, half immer wieder die Panoramafunktion.

Und das zweite? Ohne Stativ, auch wenn es noch so klein ist, sind Fotos wie das folgende schwierig. Ganz praktisch war der Fahrradhelm. Mit der äusseren Rundung auf das Gras gelegt und die Kamera dort rein gestellt, wo normalerweise der Kopf drin steckt. Fand das sehr flexibel und justierbar. Gleichzeitig hoch genug, um so manchem Grashalm ausweichen zu können.

kleine Panorama-Rast mit Blick Richtung Abtei – Fuji X-T2 XF35mmF1.4 R 1/1600 sec f/4 ISO 200

Natürlich waren wir nicht nur mit Rädern, sondern auch mit Wanderschuhen unterwegs. Die Dolomiten sind schon krass. Ein paar Bilder im nächsten Artikel.

…immer in Bewegung bleiben!

Ein Gedanke zu „Wie war das Radfahren in den Dolomiten?

  1. Moin, Jürgen.
    Dein Artikel trifft ziemlich meinen Nerv.
    Selbst in den Bergen hat man Mikroplastik gefunden und wundert sich darüber. Alleine in Norwegen, so habe ich gelernt, einem Land mit nur 8 Mio Einwohnern, fallen von jährlich 4000 Tonnen Mikroplastik mehr als 2.000 Tonnen Mirkoplastik durch die Abnutzung von Reifen an. Die Designer von Audi gehören für mich zu den Verantwortlichen, wenn es um die bewusste Steigerung von Aggressivität im Straßenverkehr gehört, bewusst durch ein aggressives Design, zu dem auch gigantisch breite Reifen gehören. Wie lange soll das noch so weiter gehen?

    Ja, und die E-Bikes, die E-Roller, alles so schrecklich nachhaltig wie die neuesten Smartphones und die neuesten Kameras. Bis 2040 soll alleine das Smartphone für die Mehrheit der Emissionen verantwortlich sein. Dazu gehören diese idiotischen Apps und die Milliarden Fotos. Abgesehen davon, dass die E-Treter wohl eine Menge Menschen ins Krankenhaus oder ins Grab bringen, weil sie ja so billig sein müssen. Und ganz ohne verpflichtenden TÜV auskommen. Die Haltbarkeit von Akkus oder gar deren Entsorgung, die interessiert eh keinen.

    Lösungen wären so einfach für jeden von uns. Im Kleinen. Wenn wir einfach mal wieder bescheidener würden, einfach mal wieder genießen können statt irgendwelchen Zwängen nachzueifern.

    Manchmal denke ich, ich wäre mit meinen Gedanken alleine auf der Welt. Und dann tut es gut, ehrlich gut, solch einen Artikel wie Deinen zu lesen.
    Lieber Gruß
    Kai

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